Die Affäre Odilon

Dramatische Komödie von
Thomas Baum
©Â© Stefan Eibelwimmer
Uraufführung:
06.02.2020
Dauer:
Aufführungsdauer: ca. 1h 45min; ohne Pause
Spielstätte:
Saal
Altersempfehlung:
ab 16 Jahren

Besetzung





Lichtgestaltung
Ingo Kelp

Dramaturgie
Silke Dörner

Anna Maria Eder
© Zoe Goldstein
Anna Maria Eder
Helmut Fröhlich
© Eisterhuber, Leisch
Helmut Fröhlich
Markus Hamele
© Matthias Leonhard
Markus Hamele
Ingrid Höller
© Margit Berger
Ingrid Höller
Ferry Öllinger
© Susanne Sigl
Ferry Öllinger
Felix Rank
© Apollonia Theresa Bitzan
Felix Rank
Marion Reiser
© Eisterhuber, Leisch
Marion Reiser

Inhalt

Der 66-jährige Alexander Girardi, vielfach gefeierter Wiener Theater- und Operettenstar der Donaumonarchie, wird ein Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkriegs von seiner Geburtsstadt Graz noch einmal ans Burgtheater gerufen. Nach wie vor restlos von seiner Großartigkeit überzeugt, kratzt eine Begegnung im Drogenmilieu der Kultur- und Musikstadt Wien empfindlich an seinem Glanz. Eine ehemalige, ebenfalls kokainsüchtige Schauspielkollegin bezeichnet ihn als völlig überschätzte, egoistische Rampensau. Selbst beim Erobern seiner ersten Ehefrau, der Schauspielerin Helene Odilon, habe er rücksichtslos Pointen geklaut und sich selbstsüchtig in den Vordergrund gespielt. Kein Wunder, dass die einst so großartige Bühnenkünstlerin, inzwischen längst von ihm getrennt, im Irrenhaus ihren Lebensabend fristet.

Diesen Vorwurf kann Girardi unmöglich auf sich sitzen lassen. Er verlangt unverzügliche Rehabilitation und animiert einige von Hunger und Elend gezeichnete Junkies, seine wahre, von der Presse im Jahr 1893 weidlich ausgeschlachtete Geschichte als spontanes Stegreiftheater nachzuspielen.

Die historisch belegte „Affäre Odilon\" bringt ein beispielloses Sammelsurium an wesentlichen Persönlichkeiten auf die improvisierte Hinterhofbühne: den von der Unverletzlichkeit seines explosiven Vielvölkerstaates überzeugten Kaiser Franz Joseph, seine den höfischen Einfluss nutzende, spielsüchtige Freundin Katharina Schratt, den reichen Bankier und Kriegsgewinnler Albert von Rothschild, den von Zwangssterilisierung und Rassenhygiene überzeugten Psychiater Julius Wagner-Jauregg und das von der Wiener Männerwelt angehimmelte Sexualwunder Helene Odilon. In einer aberwitzigen, politisch und historisch nicht immer ganz korrekten, aus dem Ärmel geschüttelten Szenenfolge wird nicht nur eine unglaubliche und skandalträchtige Intrige rund um Girardi aufgedeckt. Seine angepasste, unkritische Unterhaltungskunst und die herrschende politische Kurzsichtigkeit und soziale Verelendung machen auch Dynamiken sichtbar, die das Aufkeimen deutschnationaler und antisemitischer Tendenzen begünstigen.

Einblicke


Stefan Eibelwimmer
© Stefan Eibelwimmer
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter
Helmut Walter
© Helmut Walter

Pressestimmen

Zwischen Intrigantenstadl und Selbstbetrug

Eine zu flüchtige Uraufführung von „Die Affäre Odilon“ im Linzer Theater Phönix

Noch vor dem ersten Wort wiegt Zither-Musik die Besucher in Sicherheit, aber es dauert keine fünf Takte, bis das Volkstümliche zur elektronischen Kakophonie verwelkt, weil wenig so ist, wie es scheint. Alexander Girardi (1850-1918) geht als so eine lebendig ewordene Chimäre durch. Die k.u.k. Schauspiellegende war vor allem in der Bewunderung für sich selbst herausragend. Und es ist köstlich, wie Ferry Öllinger am Donnerstag bei der Uraufführung von Thomas Baums dramatischer Komödie „Die Affäre Odilon“ im Linzer Theater Phönix diesen miefigen Eigenlob-Ton trifft. Sein Girardi ist der Anker dieser ansonsten zu frei schwebenden Eifersuchts- und Verschwörungsgaudi.
Vor lauter Selbstblendung und Kokain kriegt Girardi keinen Fuß auf den Boden. Er verknallt sich in die männerfressende Verführungskanaille Helene Odilon. Die zieht nach sexuell frustrierender Kurzehe ins Sacher und techtelt mit Albert von Rothschild, damals Europas reichstem Mann. Gemeinsam denunzieren sie Girardi bei dem berüchtigten Psychiater Julius Wagner-Jauregg, der ein Irren-Gutachten abliefert, ohne Girardi je gesehen zu haben. Dem Bühnen-Heroen greift Kollegin Katharina Schratt unter die Arme, sie hat ja Kaiser Franz Joseph manche Solovorstellung gegeben. Zufällig entgeht Girardi seiner Einlieferung ins Irrenhaus, und der Kaiser ordnet an, dass nie wieder jemand per Ferngutachten in die Psychiatrie gesperrt werden dürfe.
Auf diesem realen, historischen Boden wackelt das Stück daher. Girardi will sich rehabilitieren und bezahlt 1918 eine Meute armseliger, verwahrloster Hinterhofgeschöpfe, die um ihn herum seine Demütigung von 1892 nachspielen.
Auf der von Georg Lindorfer aus dem Fundus von 30 Jahren Phönix liebevoll zusammengestückelten Bühne gelingt es Regisseur Alexander Kratzer nicht, das Schauspiel im Schauspiel zu persiflieren. Das Zusammentreffen der beiden Phönix-Generationen läuft dennoch wie geschmiert - hier das aktuelle Ensemble: Marion Reiser, Felix Rank, Markus Hamele, Anna Maria Eder; dort die Phönix-Gründungsrecken: Öllinger, Ingrid Höller, Helmut Fröhlich.
Laien tun so als ob - diese Unbeholfenheit muss man sich denken, weil alle stufenlos in Sprache wie Rollen schlüpfen und mit einem Mal Kenntnis von der Girardi-Geschichte haben. Rank als Rassen-Hygieniker Wagner-Jauregg böhmakelt fein und „Kaiser“ Fröhlich kalauert in Mundart, aber ansonsten bleibt der Hintergrund dieser Schauspiel-Söldnertruppe blass.
Der dem Stück eingeschriebene Witz zündet in Abwesenheit dieser Fallhöhe zaghaft, Öllingers Fiaker-Lied-Solo bleibt als einer der Glanzmomente hängen. Für knappe 110 Minuten gerät der Abend verblüffend lang. Aber als die Bomben des Ersten Weltkriegs die Stadt erreichen, lässt sich der Schrecken nicht mehr aus der Welt singen. Höflicher Applaus.
Fazit: Als Fest zum 30. Geburtstag des Theaters Phönix taugt „Die Affäre Odilon“ wegen der Wiederbegegnung mit den Gründungsrecken, fürs dramatische Langzeitgedächtnis ist der Abend zu flüchtig.

Peter Grubmüller, OÖN, 08.02.2020

Skurriles Theater mit Kaiser & Co.

„Affäre Odilon“ von Thomas Baum feierte Uraufführung:
Ein skurriler Haufen ist es, der da im Linzer Theater Phönix zusammenkommt, um die Geschichte der „Affäre Odilon“ aus der Zeit der Monarchie nachzuzeichnen. Thomas Baum erschuf, basierend auf realen Gegebenheiten, bunte Doppel-Charaktere, die einen unterhaltsamen, wenn auch wenig tiefgehenden Theaterabend zaubern.
Die am Papier etwas verschachtelt anmutende Ausgangsposition aus „Stück-im-Stück“-Modus und mehreren Zeitebenen löst sich rasch in Wohlgefallen auf: Regisseur Alexander Kratzer inszeniert klar und stringent die „Affäre Odilon“, die sich in der Theaterszene der Donaumonarchie abspielte und den Operettenstar Alexander Girardi und die Schauspielerin Helene Odilon ins Zentrum stellte. Phönix-Urgestein Ingrid Höller stellt die intrigante Odilon resolut auf die Bühne, Publikumsliebling Ferry Öllinger mimt den gefallenen Girardi mit Bravour. Eine ganze Bande an schrägen Doppel-Charakteren tummelt sich mit den beiden auf einem zugemüllten Hinterhof (Bühne: Georg Lindorfer) und gibt dem Stück Würze: Marion Reiser als Wilma/Katharina Schratt, Anna Maria Eder als Dorothea, Helmut Fröhlich als Otto/Kaiser Franz Josef, Markus Hamele als Gustav/Albert von Rothschild und Felix Rank als Stepan/Julius Wagner-Jauregg. Thomas Baum ist natürlich ein versierter Autor, sodass die 105 Minuten ohne Pause rasch verfliegen und die Erzählebenen gekonnt ineinander verlaufen. Aber schlüpfrige Witzchen am laufenden Band stehen dem Stück als Stimmungsbild des Vielvölkerstaats dann doch im Weg. Und wer das Aufkeimen nationalistischer Strömungen sezieren möchte, der sollte das Publikum nicht animieren, über gebrochenes Deutsch zu kichern. Alles in allem aber ein kurz- und eigenwilliger Theater-abend.

Jasmin Gaderer, Kronen Zeitung Oberösterreich, 08.02.2020

Zwischen Salzburg und Bad Ischl, zwischen 1893 und Donnerstag

Theater Phönix: „Die Affäre Odilon“ von Thomas Baum zum Jubiläum
Eine komplexe Konstruktion von Theater im Theater im Theater, viele Ebenen im bis unter die Decke voll gekramten Bühnenhintergrund. Als imaginärer Übertitel steht im Raum „Die Rückkehr der Urgesteine, 30-Jähriges Bestandsjubiläum des Phönix“, mit Ingrid Höller, Ferry Öllinger und Helmut Fröhlich. Haus- und Hofautor Thomas Baum schrieb den drei Mitgründern als dramatische Komödie „Die Affäre Odilon“ auf den Leib, wie er selbst sagt. Die Hauptrollen, ein selbstgefälliger Schauspieler, eine gefeierte Diva und der alte Kaiser sollten doch perfekt passen! Was lief da so daneben? Premiere war am Donnerstag.
Zwischen Trash und Lehrstück
Volksschauspieler Alexander Girardi soll auf Betreiben seiner Gattin, der gefeierten Diva Helene Odilon, und ihres Liebhabers Baron Rothschild in eine Irrenanstalt eingewiesen werden. Doktor Julius Wagner-Jauregg rühmt sich seiner neuen elektrischen Behandlungsmethode, die ihm Rothschild finanziert. Nur der Kaiser kann Girardi retten und erlässt in der Folge ein Gesetz zur Neuregelung von Entmündigungen. „Auf die Plätze, wir spielen wie wirklich.“ Das Theater im Theater beginnt. Der alternde Girardi will die Odilon-Geschichte inszenieren.
Realität auf vielen Ebenen, Analogien zum Heute aus der vorigen Jahrhundertwende, Schulwissen, Spezialkritik, Geblödel mit Einwürfen einer fiktiven Regisseurin (Anna Maria Eder) aus undefinierter Zeit. Auch die Kostüme, meist Bademäntel, bieten keinen zeitlichen Anker. Die Inszenierung von Alexander Kratzer laviert zwischen Trash und Lehrstück, angesiedelt zwischen 1890 und Donnerstag. Gelegentlich scheinen auch die Darsteller nicht mehr zu wissen, wann und wo sie gerade agieren. Musikalischer Lichtblick ist Gilbert Handlers Variante der lieben kleinen Eisenbahn „Zwischen Salzburg und Bad Ischl“. Die gefeierte Diva Helene Odilon spielt Ingrid Höller, jung und alt zugleich, wie früher will sie geküsst werden auf der Bühne. Zusammen mit Rothschild auf dem Fahrrad erreicht sie stöhnend einen Gipfel. „Unterleibsorientierte Seitenblicks-Elevin“, nennt Katharina Schratt (Marion Reiser) ihre Rivalin. Es kommt noch deftiger: „Eingebildete Schauspielerblunzen“ bis zu „Eine, die schwanzorientierte Machtverhältnisse zu nutzen weiß“. „I hob zwa harbe Rappen“, das Fiakerlied singt ihr Girardi in der Hochzeitsnacht, während sie so breitbeinig wie vergeblich wartet. Singen ist nicht die Stärke von Ferry Öllinger, schon gar nicht, wenn der Plattenspieler im Hintergrund hängen bleibt. Trotz aller gespielten Eitelkeit wirken er, wie auch der stets ein wenig unsichere Kaiser Helmut Fröhlich, als ob sie ins Privatleben flüchten wollten angesichts der vielen Zeit-, Sprach- und Handlungsebenen.
Aufkommender Nationalsozialismus und zurück zur Probe. Für Geld spielt der Jungnazi auch den Rothschild (Markus Hamele in der Doppelrolle). Die Rolle des Julius Wagner-Jauregg (komisch angelegt und böhmakelnd Felix Rank) prangert nicht nur die langjährige Verehrung dieses Wegbereiters für Massenmörder an. Von einer Kanzel aus propagiert er Rassentheorien, definiert unwürdiges Leben und rühmt seine Elektroschocks. Dass zum Spaß die Darsteller bei der Verabreichung dieser Folter immer wieder so lustig haxeln, kann nur als unfreiwillige Komik durchgehen. Auf der Reise zwischen Salzburg und Bad Ischl entgleist der Zug mehrmals, vor allem scheinen weder Lokführer noch Mitfahrer Ziel und Zweck der Fahrt zu kennen.

Eva Hammer, Oberösterreichisches Volksblatt, 08.02.2020